Heuer war Burgenland Extrem für mich nicht nur ein Solo-Abenteuer, sondern auch ein gemeinsames Erlebnis mit Wanderfreunden aus Kärnten. Mit dabei waren Hannes und seine Frau Brigitte, sowie Uwe und seine Freundin. Hannes und Brigitte entschieden sich ebenfalls für den Final Trail über 60 Kilometer, während Uwe und seine Freundin aufs Ganze gingen – den Memorial Trail über 120 Kilometer von Oggau nach Oggau.
Hannes und Uwe kenne ich schon seit einigen Jahren, wir sind uns immer wieder bei der Burgenland Extrem Classic begegnet – einer dreitägigen Wanderung durch das Südburgenland und Westungarn, mit zwei Übernachtungen in Zelten: einmal in Velem (Ungarn) und einmal in Bildein, bevor diese coole Tour schließlich auf der Burg Güssing ihr Ende findet.
Aus zufälligen Treffen wurden Bekanntschaften – und aus Bekanntschaften gute Weggefährten. Die zwei Kärntner sind schlichtweg großartige Typen.
Für mich bedeuteten meine Mitstreiter nicht nur willkommene Gesellschaft unterwegs, sondern sie lösten auch ganz praktisch eine entscheidende Frage: Wie komme ich in den frühen Morgenstunden von Rust nach Oggau?
So konnte ich in aller Ruhe noch im Hotel Katamaran frühstücken und wurde danach bequem abgeholt – ein Luxus, den man bei solchen Veranstaltungen durchaus zu schätzen weiß. In Apetlon machten sich schließlich rund 600 motivierte Geherinnen und Geher gegen 08:00 Uhr auf den Weg Richtung Oggau. Der Morgen begann, wie er sich durch den ganzen Tag ziehen sollte: kalt, still und in dichten Nebel gehüllt.
Schon beim Start war klar: Das wird kein schneller Bewerb. Die Wege waren hart gefroren, stellenweise spiegelglatt, jeder Schritt musste kontrolliert gesetzt werden. Mein Ziel war klar: 60Kilomter unter 12 Stunden.
Die ersten Kilometer nach Illmitz verliefen neben der Straße. So trist das Wetter auch war, es wehte kein Wind – das ist am Neusiedler See ziemlich selten und fürs Gehen ein großer Vorteil. Illmitz war schnell erreicht und ebenso schnell durchschritten, dann ging es hinaus auf die langen Wege durch die Weinberge, vorbei an den Stinkerseen und weiter in die „Hölle“. Ich wusste schon immer, dass ich einmal in die Hölle komme. Aber diesmal war mit der Hölle ein langer Abschnitt nach Podersdorf gemeint, der unter den Gehern berüchtigt ist – vor allem bei schlechten Wetterbedingungen wie Regen oder starkem Wind.
Podersdorf selbst ist ein langgezogener Ort, der sich gefühlt endlos hinzieht und mental fast nicht zu durchschreiten ist. Nicht die Kondition bestimmte hier das Tempo, sondern der Untergrund und die Monotonie. In Neusiedl am See kurz Zivilisation, Stimmen, Licht. Im Panoneum, einem großen Schulzentrum, befindet sich eine der besten ich meine sogar die beste Labestelle am gesamten Trail. Angeboten werden Suppen, Getränke, Kaffee, Snacks, Wurstsemmeln und alles, was man nach vielen Kilometern wirklich braucht. Dieses hervorragende Service wird von den Schülerinnen und Schülern der Gastronomieschule organisiert und durchgeführt. Ein herzliches Dankeschön für diese großartige ehrenamtliche Arbeit – sie ist für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein echter Motivationsschub.
Das Erreichen von Neusiedl am See stellt aber auch psychologisch einen wichtigen Punkt dar. Da sagt dir dein Kopf: „Jetzt gibst du nicht mehr auf, es ist eh nicht mehr weit nach Oggau.“ Stimmt nur zum Teil – denn bis nach Oggau sind es immer noch rund 35 Kilometer.
Egal, von wo man startet – ab Neusiedl wird es meistens dunkel. Es wird Abend, und das Gehen mit Stirnlampe beginnt. Das erfordert eine ganz eigene Wahrnehmung: Der Blick wird enger, die Umgebung verschwindet, man bewegt sich in einem kleinen Lichtkegel durch die Nacht. Heuer kam erschwerend dazu, dass die Wege stark vereist waren – und Eis stellt sich bei Dunkelheit noch einmal ganz anders dar als bei Tageslicht. Jetzt war Gehen mit allen Sinnen angesagt.
Zwischen Jois und Winden wurde es mental zäh: monotone Schritte, gleichmäßiger Atem, immer derselbe Nebel vor den Augen. Genau hier entscheidet sich so ein Bewerb: Nicht in den Beinen – sondern im Kopf.
In Purbach gab es das (leider) letzte Highlight der Labestellen. Im Gut Purbach lud Sternekoch Max Stiegl zum Verweilen ein. Zur Stärkung der Wanderinnen und Wanderer gab es Suppe, verschiedene Tees und alles, was Körper und Moral noch einmal aufrichtet. Gerade hier war diese Labestelle Gold wert – denn danach begann ein sehr fordernder Schlußabschnitt.
Von Purbach ging es an Donnerskirchen vorbei, der Bahnlinie entlang. Dann folgte ein äußerst unangenehmes Wegstück entlang der Hauptstraße: viel befahren, stark vereist und mit unangenehmer Blendwirkung. Schließlich bog der Weg nach links ab und es ging auf Feldwegen Richtung Oggau.
Zwischenzeitlich nieselte es aus dem dichten Nebel – es war ein gefrierender Nieselregen.
Die ohnehin schwierigen Wege wurden mit jeder Minute heikler: spiegelglatte Wege, vereiste Asphaltpassagen, kaum mehr Grip unter den Schuhen. Jetzt ging es nur noch um eines: stehen bleiben und weitergehen. Kein Rhythmus mehr, nur Konzentration. Schritt für Schritt. Meter für Meter.
So ging es schließlich in den Endspurt, auf langen Wegen noch durch Oggau, bis ich schließlich durch das Finisher-Tor auf die legendäre Finisher-Couch fiel. Nach dem obligatorischen Finisher-Foto
gab es im Gemeindeamt von Oggau noch eine letzte, sehr gute Labestelle. Dort traf ich auch die Freundin von Uwe wieder – sie hatte nach über 80 Kilometern ihre Wanderung beendet. Respekt kann man da nur sagen!
Rund eine Stunde später trafen auch Hannes und Brigitte im Ziel ein. Das war wichtig, denn Hannes brachte mich anschließend wieder zurück nach Rust.
Was heuer auffiel: Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten im Ziel Kreislaufprobleme. Manche klappten im wahrsten Sinne des Wortes einfach zusammen – ein deutlicher Hinweis, wie fordernd diese Bedingungen waren.
Nachdem wir uns alle ausreichend gestärkt hatten, ging es zurück nach Rust ins Hotel Katamaran.
Dieses Hotel ist übrigens eine Spitzenunterkunft – vor allem das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ausgezeichnet. Ich war heuer bereits zum dritten Mal dort zu Gast.
Damit fand meine sechste Teilnahme an Burgenland Extrem ein ziemlich gutes und sehr rundes Ende.
Der Final Trail 60 bei Burgenland Extrem war für mich kein Lauf, es war eine klassische Weitwanderung, brachte mir wieder neue Erfahrungen und Erkenntnisse und diesmal fast eine Winterwanderung. Geduld, Konzentration und Ausdauer bis zum letzten Kilometer waren angesagt. Sechs Mal Burgenland Extrem, jedes Mal anders, aber immer eine Begegnung mit den eigenen Grenzen.